Aus meinem Tagebuch, 18. August 2019: Krankenwagen – ja oder nein?

Schmerzen schleichen sich in meine Träume

verwirren mein schlafendes Ich, zerren mich zwischen dunkler Traumwelt und noch dunklerer Realität hin und her. Schließlich reißen sie mich gewaltvoll aus dem Schlaf. Ich rieche den säuerlichen Schweißgeruch, bevor ich merke, dass meine Bettlaken durchtränkt sind. Heiße Spucke sammelt sich in meinem Mund – sie schmeckt nach Magensäure. Es dauert keine weiteren zwei Sekunden, bis ich realisiere: Es ist zu spät.

Zu spät, Schmerzmittel zu nehmen. Zu spät, es ins Bad zu schaffen. Zu spät, um dem, was jetzt folgen wird, entgegenwirken zu können.

Ich versuche aufzustehen und scheitere kläglich: Ich kann vor Schmerzen nicht mehr laufen. Ich bin nicht in der Lage auf meinen eigenen Beinen zu stehen. Sprichwörtlich und buchstäblich. Neben den körperlichen Schmerzen überkommt mich bereits jetzt die altbekannte Trauer darüber, dass ich die Kontrolle über meinen Körper verloren habe. Auf allen Vieren versuche ich, in meinen Flur zu kommen, um den Erste-Hilfe-Korb zu erreichen. Ich fühle mich erbärmlich.

"Du bist so dumm, dumm, dumm. Wie konnte dir das schon wieder passieren?"

werfe ich mir vor. Ich hatte mir fest vorgenommen, meine Schmerzmittel immer griffbereit zu verstauen. Immer.

Ein guter Vorsatz war es jedenfalls.

Ich ziehe meine Beine hinter mir her. Ich habe Schüttelfrost. Meine Stirn ist heiß und meine Atmung geht schnell. Zu schnell: Meine Hände werden langsam taub. Ich sehe nur noch verschwommen. Die Intensität der Schmerzen ist schon jetzt kaum noch zu ertragen. Krankenwagen: ja oder nein? Die ewige Frage.

Ich erreiche den Flur und zerre den Korb vom  Regal herunter. Die Tabletten kullern in alle Richtungen über den Dielenboden. Ein Bild, das mir noch lange in Erinnerung bleibt. Meine Hände zittern so sehr, dass ich die Schmerztabletten kaum aus der Verpackung, geschweige denn in den Mund, bekomme. Ich weine kraftlos, schreie leise und tobe innerlich. Bis ich nur noch wimmere und flehe.

Ich finde mich vor meiner Toilette auf dem kalten Linoleumboden wieder. Die Leuchtröhre summt  mit kurzen Unterbrechungen vor sich hin. Ich summe leise mit.

Meine Tränen vermischen sich mit dem Rotz auf meiner Wange

Meine Tränen vermischen sich mit dem Rotz auf meiner Wange und finden sich dann in meiner Kotze in der Toilette wieder. Mir läuft unkontrolliert Spucke aus dem Mund und ich wische sie nicht einmal weg. Ich pinkle mich ein. Meine Situation ist an Absurdität und Erbärmlichkeit nicht zu übertreffen, rede ich mir ein. Ich schäme mich vor mir selbst. Dieser Gedanke schmerzt fast so sehr wie mein Unterleib, meine Beine, mein Kopf.

Ich versuche den Schmerz wegzuatmen. Meine Augenlider beginnen zu flattern. Ich gestehe mir ein, dass die Situation beginnt, gefährlich zu werden. Ich bin kurz davor, das Bewusstsein zu verlieren. Also werfe ich meinen Schlüssel aus dem Fenster in den Innenhof, schaffe es Notfall, meine Wohnung,  in den Telefonhörer zu hauchen.

Meine Freundin findet mich nackt, kreidebleich und mit verzerrtem Gesicht auf dem Küchenboden liegen.

Ich will einfach nur noch schlafen.

Ein Satz, den meine Frauenärztin zu mir gesagt hat, hält mich aber noch kurz wach: Jeder Frau geht das so.

Ich muss tatsächlich schmunzeln und schlafe endlich ein.

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Hinfallen. Aufstehen.

Vielleicht war es der liebe Gott, vielleicht das Universum oder auch nur ein kosmischer Zufall. Vielleicht passierte es im alten VW Bus damals am Gardasee

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