Hinfallen. Aufstehen.

Vielleicht war es der liebe Gott, vielleicht das Universum oder auch nur ein kosmischer Zufall. Vielleicht passierte es im alten VW Bus damals am Gardasee nach Spaghetti aglio e olio und Gelato und einem oder zwei Gläschen Vino in einer der wärmsten Sommernächte überhaupt beim Zirpen der Zikaden. Oder aber auch mit etwas mehr Fingerspitzengefühl. Durchdachter, geplanter. Dadurch nicht weniger verheißungsvoll und träumerisch. Wie dem auch sei: irgendwie warst du, ohne es zu bemerken, einfach da. Ohne gefragt zu werden, ohne zu wissen, was du hättest auf die Frage antworten sollen. Aber du hast diese Chance natürlich ergriffen; gibt hier ja auch so verdammt viel zu sehen. Hinfallen, aufstehen, hinfallen, wieder aufstehen – das ist ab jetzt die Devise.

Und so langsam wirst du dir deiner Existenz bewusst. Du realisierst allerdings noch nicht, dass du gerade Erinnerungen erschaffst, dass du den klebrigen Schleim der Nacktschnecke, die du hinter dem Kindergarten gefunden hast, noch 26 Jahre später an deiner linken Hand zu spüren glaubst. Und dann rast du los mit dem Dreirad vorbei an dem Tag, an dem du auf einmal das Alphabet lernst, du setzt dich auf dein Fahrrad und Papa hält plötzlich gar nicht mehr fest. Und siehe da: “Papa, Papa, ich fahr’ allein.” Und du fällst hin. Und du stehst wieder auf. Stürzt dich in das nächste Abenteuer. Du spürst überhaupt nicht, wie die Sommertage vergehen. Nicht nur dieser Sommer, auch der nächste fliegt an dir vorüber.

Die Straßenmalkreide tauschst du gegen die Bravo Girl. Mit Jungs spielt man nicht! Aber insgeheim findest du die ja schon irgendwie interessant, oder? Du würdest aber niemals einen küssen! Jedenfalls nicht bis zur nächsten Schulfete. Bei der Übernächsten wird aber eine andere in seinen Armen liegen – hinfallen, aufstehen. Weiter geht’s. Aber da passieren plötzlich auch ganz andere Dinge in deinem Körper: bist du jetzt eine Frau? Schon jetzt merkst du, dass es nicht immer einfach sein wird, das jeden Monat durchzustehen. In der Cafeteria wird dir fast schwarz vor Augen, weil die Schmerzen dich eiskalt erwischen. Frausein ist nicht so dein Ding, stellst du fest. Aber es gibt noch so viel zu entdecken.

Deine Reise geht in großen Schritten weiter: auf einem Schüleraustausch erfährst du, was es heißt, eine Blasenentzündung zu haben. Dein ständiger Begleiter für die nächsten Jahre. Dein erster richtiger Freund, dein erstes Mal – das tut ja bekanntlich jeder weh, stimmt‘s? Aber auch das Zweite bis Letzte? Du kommst ins Grübeln, aber das Leben hält gerade so viel bereit, dass du keinen Spaß daran hast, dich in deinen Überlegungen zu verlieren. Wenn die Frauenärztin sagt, dass eine Schmerzcreme und die Pille reichen. Immer her damit! Aufstehen, hinfallen. Du lernst was das Zeug hält, immer an deiner Seite deine unerklärliche Müdigkeit. Du brauchst sehr viel Alleinsein, Ausruhen. Die Schulen werden gewechselt, die Ärzte auch. Sie wollen dich mal von innen mit einer Kamera anschauen. Gerne, du würdest dich wirklich über eine funktionierende Verdauung freuen. Nichts. Mal wieder. Auch gut, du willst eigentlich auch ganz schnell weiterlaufen. Und das tust du.

Mit dem alten Opel Corsa kommst du in deiner neuen Heimat an. Ziemlich nett hier. Bei Kneipenabenden bist du diejenige, die am häufigsten den Tisch verlassen muss, um zu pinkeln. Die Frage: “Schon wieder?” wirst du in den nächsten 7 Jahren häufiger hören, als “Wie geht es dir?”. In deiner Ein-Zimmer-Wohnung direkt unter dem Glockenturm hängt ein Zettel neben der Toilette, um einen Überblick zu behalten, wie oft du wirklich „schon wieder“ musst. Beachtlich. Aber nicht beeindruckend genug, um sich von den Freiheitsgefühlen ablenken zu lassen. Sabberige Kleinkinderküsse versüßen dir von nun an den Alltag in der alten Heimat. Die Sommertage sind hier mindestens noch genauso schön. Du ziehst durch die Straßen, durchtanzt die Nächte und musst schmunzeln, als du im März realisierst, dass die letzte Banane eine schokoladenüberzogene auf dem Weihnachtsmarkt war. Ja, dein Lebensstil wird wahrscheinlich nicht in der Fit For Fun abgedruckt. Aber was soll‘s?

Hinter jeder Ecke locken berauschende Überraschungen, die du auf keinen Fall verpassen kannst. Mittlerweile brauchst du mehr als drei Tage, um dich von deiner Periode zu erholen. Auf dem Boden vor der Toilette liegen, gehört jetzt quasi schon zum Tagesgeschäft. Periodenschmerzen hat ja jede. Hinfallen, aufstehen. Dennoch treibt dich die Frage um, ob jede auch beinahe das Bewusstsein verliert. Also stellst du endlich die Frage: “Ist das normal?” Intuitiv oder einfach mit einem gesunden Menschenverstand ausgestattet, weißt du natürlich, dass es das nicht ist. Noch nie war. “Also Sie sind sich sicher, dass das normal ist?” “Aber ja, machen Sie sich keine Sorgen.” Na gut.

Du hälst es noch ein paar Wochen aus, kannst aber keine Normalität mehr dahinter entdecken. Jetzt aber flott ins Krankenhaus mit dir: bestimmt eine Blinddarmentzündung. “Ihren Blinddarm können wir nicht entdecken, aber da ist was anderes. Darüber sollten sie mit Ihrem Frauenarzt reden.” “Könnte Endometriose sein,” wird dir endlich zugestanden “aber dann müssen wir Sie aufmachen. Das wollen Sie doch sicher nicht?” Du musst nicht mal bis drei Zählen und schon hast du deinen Rucksack gepackt und läufst 900 Kilometer bis ans Ende der Welt. Hinfallen, aufstehen. Die acht Wochen haben dich verändert, deine Schmerzen aber gleichbleibend unberührt belassen. Also doch mal aufmachen. Endometriose. Darm, Eierstock, Eileiter, Bauchfell, Zwerchfell, Blase. Deine Organe sind zusammengewachsen.

Hinfallen.

Du weinst 4 Wochen lang. Während du tanzt, während du einschläfst, während du versuchst stark zu sein. Du nimmst 12 Kilo ab. Du nimmst 6 Monate Hormone ein, die dich zu einem Schatten deiner Selbst werden lassen. Dein Körper tut weh. Reale, zermürbende Schmerzen, die du vorher nicht für möglich gehalten hättest. Du schwitzt. Du hast Schüttelfrost. Dein Bauch ist unentwegt angeschwollen und du willst eigentlich nur noch kotzen. Du denkst an nichts anderes mehr. Du bist ein Paradebeispiel für die im Beipackzettel angegebenen Nebenwirkungen. Du hoffst eigentlich den ganzen Tag, wieder schlafen gehen zu können.

 

Aufstehen.

Einfach so. Ohne bestimmten Auslöser. Dir wird klar: da warten ja noch immer diese ganzen Abenteuer auf dich. Die ganzen ersten Küsse, die noch geküsst werden wollen, die Meere, in die du noch hüpfen willst und natürlich Porto. Also fängst du an nachzudenken: was willst du? Du willst heilen. Also bekomme verdammt nochmal deinen Hintern hoch. Du veränderst Dinge. Neben deinem Bett liegt wissenschaftliche Literatur über deine chronische Erkrankung, in deinem Kühlschrank sind entzündungshemmende, glutenfreie Lebensmittel und auf deinem Handy selbst eingesprochene Meditationen, die dich lehren, deinen wunderbaren Körper zu lieben.

Es tut weh. Auch jetzt noch. Und du gewöhnst dich an den Gedanken, dass es jetzt für immer wehtun kann. Was im frühen Winter begonnen hat, wird im Hochsommer fortgeführt: deine Organe werden auseinandergeschnitten, Teile werden entnommen, Verwachsungen getrennt. Du wachst auf und fünf neue Narben zieren deinen wunderschönen Bauch. Es kann weitergehen. Und du schließt Frieden mit dir. Du beginnst deine Zukunft in den schillerndsten Farben zu sehen und setzt dir keine Grenzen mehr. Keiner deiner Pläne ist mehr in greifbarer Nähe. Und so beginnst du deine Reise von Neuem.

 

Barfuß, weil du so mehr spüren kannst,

mit offenem Herzen, weil du so mehr fühlen kannst

und mit einem Strahlen, weil du so mehr sehen kannst.

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